Werbung empört

Bauern blockieren Edeka-Lager in Wiefelstede

Weil Edeka in seiner aktuellen Werbung meint, dass seine Kunden den niedrigsten Preis verdienen, haben am Sonntag Bauern das Lager in Wiefelstede blockiert.

In der Nacht zu Montag haben vor dem Edeka-Zentrallager in Wiefelstede nahe Oldenburg über 200 Bauern mit ihren Traktoren die Zufahrt blockiert. Grund ist eine aktuelle Werbung des Händlers mit dem Slogan „Sie haben einen Preis verdient: den niedrigsten“. Noch provokanter wirkte der Spruch in Essen, wo es hieß "Essen hat einen Preis verdient...".

Plakat

In dem Ort Essen/Oldenburg wirkt der Spruch natürlich noch provokanter. In Wiefelstede wurde das umstrittene Plakat noch in der Nacht entfernt – und zwar von Edeka selbst. (Bildquelle: Landvolk)

Gegenüber der Nordwest Zeitung erinnerte Felix Müller, 2. Vorsitzender des Landvolkes Ammerland, an die bundesweiten Proteste der vergangenen Wochen, bei den die Bauern für faire Lebensmittelpreise auf die Straße gegangen sind. Daher verärgere der neue Slogan die Bauern aus der Region, die daraufhin die mit den „Billiglebensmitteln“ beladenen Lkw, die das Zentrallager anfahren oder verlassen wollten, blockierten. Nach Informationen der Zeitung hätten die Bauern ihre Blockade erst kurz vor Beginn des Berufsverkehrs, gegen 4 Uhr, beendet. Die Landwirte kamen aus dem Ammerland, Friesland, der Wesermarsch und aus Oldenburg.

Auch aus Ibbenbühren werden Bauernproteste vor dem dortigen Edeka-Lager gemeldet.

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Stellungnahme Edeka

Edeka entschuldigt sich

Edeka entschuldigt sich (Bildquelle: EDEKA)

Edeka nahm am Montag wie folgt Stellung: „Es war nie unsere Absicht, mit unserer Kampagne Landwirte und Erzeuger zu verärgern. Bei dem Plakat handelt es sich um ein Missverständnis. Ziel der Marketingkampagne war es, alle Ortschaften, wie z. B. auch Minden oder Bremen in unserem Absatzgebiet individuell anzusprechen. Es war somit eindeutig der Ort „Essen/Oldenburg“ gemeint und nicht Essen im Sinne von Lebensmitteln. Darüber hinaus, gehen die angekündigten Preisreduzierungen der Produkte nicht zu Lasten der Landwirte, sondern werden ausschließlich von der Großhandlung getragen.

Die Plakate, die zu dem Missverständnis geführt haben, wurden nach den ersten Hinweisen umgehend entfernt. Die Edeka Minden-Hannover fördert regionale Lieferanten und steht für eine Partnerschaft auf Augenhöhe. Regionalität ist für uns kein Schlagwort, sondern unsere Garantie für hochwertige und in der Region erzeugte bzw. veredelte Lebensmittel aus der Nachbarschaft zu fairen Preisen. Es ist unser erklärtes Ziel, partnerschaftlich mit den Lieferanten und Produzenten zusammenzuarbeiten, um ein für alle Beteiligten zufriedenstellendes Ergebnis sicherzustellen. Dabei kommt es uns besonders auf die Qualität der Produkte an. So liegt es der Edeka Minden-Hannover absolut fern, Landwirte und Erzeuger mit unserer Kampagne zu verärgern.“

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Klöckner zeigt Verständnis für Wut der Bauern

Auch bis zu Bundesagrarministerin Julia Klöckner ist der Protest vorgedrungen. Am Montag sagte sie: „Ich kann den Ärger der Bauern verstehen. Es ist wie David gegen Goliath, wenn Bauern mit dem Handel verhandeln. Dass gerade Lebensmittel immer wieder für Lockangebote und für Dumpingpreise herhalten müssen, kann ich beim besten Willen nicht mehr nachvollziehen. Der Handel beklagt zwar, Verbraucher würden nicht mehr bezahlen wollen, aber er setzt selbst immer mehr Tiefstpreise. Da darf man sich nicht wundern, wenn Verbraucher sich daran gewöhnen. Am Ende badet das der Erzeuger aus, dem immer weniger bleibt. Das ist das Gegenteil von Nachhaltigkeit. Beim Treffen am 3.2. im Kanzleramt werden wir das thematisieren.“

Und Albert Stegemann von der CDU/CSU-Fraktion im Bundestag ergänzt: "Die Werbekampagne von Edeka Minden ist unmoralisch und zu verurteilen. Die Geschäftsführung von Edeka muss sich für diesen Fehltritt öffentlich bei den Bauern entschuldigen. Unsere Landwirte in Deutschland haben unsere Wertschätzung verdient. Denn sie erzeugen mit harter Arbeit jeden Tag hochwertige, gesunde, vielfältige und sichere Lebensmittel – sie decken unseren Tisch. Dafür brauchen sie faire Preise, von denen sie als regional verwurzelte Familienunternehmer auch leben können. Deshalb ist es höchste Zeit, dass die Bundesregierung jetzt unverzüglich unlauteren Handelspraktiken einen Riegel vorschiebt und die entsprechende EU-Richtlinie zum Schutz der Bauernfamilien umsetzt. Wir werden im parlamentarischen Verfahren genau hinschauen und, wenn nötig, Schutzlücken schließen.“

Landvolk: „Genau diese Art von Aktionen!“

„Es sind genau solche Aktionen, die uns Landwirte darin bestärken, den aktuellen Druck aufrechtzuerhalten und weiter auf unsere Situation aufmerksam zu machen“, erklärt Landvolkpräsident Albert Schulte to Brinke.

„Diese Aussage befeuert die Geiz-ist-geil-Mentalität. Von Wertschätzung der Lebensmittel und somit auch der Arbeit der Landwirte und aller nachgelagerten Bereiche, keine Spur. Dabei liebt Edeka doch angeblich Lebensmittel“, zeigt sich der Landvolkpräsident von der Aktion der Genossenschaft Edeka Minden-Hannover im Lebensmitteleinzelhandel (LEH) enttäuscht.

Aussagen von Prominenten haben laut Schulte to Brinke in der Gesellschaft eine besondere Wirkung – und zwar nicht nur in den sozialen Medien. Landwirte hätten Otto Waalkes als Werbeträger für Edeka deshalb angeboten: Wenn Otto auf solche Werbeverträge angewiesen sei, möge er sich bei einem beliebigen Landwirt in der Nähe melden. Die Bauernfamilie werde ihn mit Sicherheit durchfüttern, das ist auf dem Lande so üblich – denn auf dem Land liebt man tatsächlich gute Lebensmittel und die Landwirtschaft.

TBV: "Kampagne zeigt Geringschätzung für Nahrungsmittel und Landwirte"

Für den Thüringer Bauernverband zeigt die Kampagne eine nicht akzeptable Geringschätzung für Nahrungsmittel und damit für die Arbeit der Bauern in diesem Land. „Unsere Lebensmittel haben einen Wert und dieser Wert hat einen Preis“, so die TBV-Hauptgeschäftsführerin Katrin Hucke.

Der ‚Wir lieben Lebensmittel‘-Einzelhändler offenbare mit seiner Kampagne zugleich das Gesicht der Preispolitik des deutschen Lebensmitteleinzelhandels: „Es ist eine Preispolitik, bei der es nur um ‚billig‘ geht und bei der für die landwirtschaftlichen Erzeuger am Ende nur wenige Cent übrigbleiben, so dass diese kaum überleben können“, so Hucke.

Aus Sicht des TBV ist auch die von der Gesellschaft geforderte Veränderung der Landwirtschaft unter diesen Bedingungen schlicht nicht möglich: „Alle Ansätze für mehr Tierwohl und höhere Produktionsstandards werden durch die niedrigen Erzeugerpreise verhindert, da unsere Landwirte so keine finanziellen Möglichkeit bekommen, in die Zukunft zu investieren, gerade auch für mehr Tierwohl und mehr Klimaschutz“.

Landfrauen: Billig und umweltverträglich passen nicht zusammen

Kartoffeln

Wir stellen hohe Ansprüche an unsere Lebensmittel. Frisch sollen sie sein und möglichst viele Nährstoffe sollen sie enthalten, selbstverständlich müssen sie bekömmlich und sättigend sein, und, ganz wichtig: Sie dürfen keine oder nur wenige Schadstoffe aufweisen. (Bildquelle: Kabel Eins)

Mit dem Anspruch auf „billig müssen sie sein“ können die Lebensmittel nicht umweltverträglich, artgerecht und sozial hergestellt sein!, stellen die Landfrauen aus Westfalen-Lippe in einer Mitteilung klar.

Irgendeiner (Umwelt, Tier oder Mensch) zahle drauf – müsse die Einsparungen der Vermarkter auffangen, so die Landfrauen. Luftverschmutzung, höhere Pflanzenschutzeinsätze, Kinderarbeit und Dumpinglöhne in dritte Welt Erzeugerländern seien nur einige Aspekte davon.

Das macht die Landfrauen als Produzentinnen und Verbraucherinnen besonders wütend, denn das Jahrzehnte lange Bemühen um ressourcenschonende Produktion und Vermarktung wird damit ad absurdum geführt.

Zudem würden billige Lebensmittel die Hemmschwelle zur Lebensmittelverschwendung senken. Wenn die Produkte nicht viel gekostet haben, würden sie leichter weggeschmissen – und das angesichts des Hungers in der Welt.

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