Kommentar

Ernte gut, alles gut?

«Wir liefern ohne zu wissen, wie die genauen Preise sind.» Ernst Lüthi, Obstproduzent Ramlinsburg (BL)

Das Erntejahr neigt sich dem Ende zu. Nach dem Rekordjahr 2018 war dieses Jahr von durchschnittlichen Obsterträgen geprägt. Durch die hohen Erntemengen im vergangenen Jahr ist das Preisniveau auf einem sehr tiefen Level. Die Akontozahlung für Kernobst erfolgt im Dezember, wobei der Landwirt für die Basicsorten zirka 50 Rp./kg erhält und für Premiumsorten 70 Rp./kg.

Aber nicht nur das Preisniveau stellt viele Produzenten vor Probleme:

1. Wir erhalten die vollständige Bezahlung erst, wenn die diesjährige Ernte verkauft ist – im August 2020. Bei Überangebot und schwacher Nachfrage kommt es vor, dass die Äpfel bei der Schlusszahlung als Zweitklasse angerechnet werden – statt 1.10 CHF/kg für Premium gibt es nur 40 Rp. Manchmal wird es richtig arg, wie ein Berufskollege kürzlich klagte, der Abnehmer habe von ihm sogar eine Nachzahlung verlangt.

2. Wir liefern, ohne zu wissen, wie die genauen Preise sind. So haben viele das Gefühl, dem Handel ausgeliefert zu sein und dass wir nur das erhalten, was am Schluss übrig bleibt. Üblicherweise ist es aber so, dass der Verkäufer die Rechnung stellt. Nicht so bei uns Bauern. Das nervt! Umgekehrt sehen wir, was die Konsumenten für Äpfel zahlen – nämlich zurzeit zwischen 3.50 und 5.70 CHF/kg Äpfel.

All das zusammen führt uns Bauern in der ersten Jahreshälfte punkto Liquidität oft an die Grenzen: Rechnungen für Haushalt und Betrieb kommen laufend – zahlbar immer öfters innert zehn Tagen. Auch Dünger, Pflanzenschutz, Saatgut, Maschinen, Geräte oder andere Investitionen sind in ersten Halbjahr zu begleichen.

Die saisonalen Liquiditätsengpässe sind gefährlich, vor allem, wenn noch Unvorhergesehenes wie die grosse Reparatur einer Maschine oder gar Totalverlust der Ernte eintreten. Das bereitet manch einer Bauernfamilie schlaflose Nächte. Bei den meisten Betrieben sorgen die Direktzahlungen zwar Mitte Jahr für Erleichterung, aber nicht auf spezialisierten Betrieben, denn die Direktzahlungen liegen meistens nur im einstelligen Prozentbereich des Gesamtumsatzes.

Wie könnte Abhilfe geschaffen werden? Das wäre zum einen eine professionelle Liquiditätsplanung und zum anderen eine Ernteausfallversicherung.

Zum ersten Punkt: Was eine systematische Liquditätsplanung inklusive Vorsorge betrifft, stehen wir Bauern absolut stümperhaft da. Unsere Handelspartner verfügen über Softwarelösungen für detaillierte betriebswirtschaftliche Analysen mit Fokus auf der Liquiditätsplanung und machen ein Risikomanagement.

Gut macht sich die HAFL daran, eine solche Softwarelösung auch für uns Bauern zu entwickeln. Entstehen soll ein Liquiditätsplanungstool, sodass wir beim Verbuchen der Rechnungen direkt die Vorschaudaten der Liquidität fürs nächste Quartal beziehungsweise den Jahresverlauf hätten (Seite 12).

Nicht abgesichert sind wir jedoch bei Teil- und Totalverlusten der Ernte. Je grösser, spezialisierter und in der Folge auch kapitalintensiver die Betriebe sind, desto empfindlicher treffen uns solche Ereignisse. Wir benötigen dringend eine Ernteausfallversicherung, deren Prämien auch zahlbar wären. Aber wer kümmert sich darum? Es scheint, als hätte die Branche aufgrund der letzten guten Ernten das Interesse verloren. Wahrscheinlich kommt das nächste Frostjahr, bevor noch ein diskutierbarer Vorschlag für eine Ernteversicherung auf dem Tisch liegt. Es ist wichtig, dass die Branche das ernsthaft in Angriff nimmt und Lösungen präsentiert.

Biomilch-Markt ist gesättigt

Meldung verpasst? Wir verhindern, dass Sie nicht mitreden können. Tragen Sie sich jetzt für unseren Newsletter ein und wir benachrichtigen Sie über alle wichtigen Ereignisse rund um die Landwirtschaft.

Artikel geschrieben von

Ernst Lüthi

Schreiben Sie Ernst Lüthi eine Nachricht