Pflanzenzüchtung

Das Saatgut von Morgen

Eine eigene Saatgutzüchtung ist für die Schweiz existenziell. Es braucht mehr öffentliche Gelder für die Züchtungsarbeit, dessen waren sich die Experten an der Agrar-Info-Veranstaltung einig – Saatgutzüchtung dürfe man nicht globalen Konzernen überlassen.

Produziert die Schweiz genügend Saatgut, um in Krisenzeiten ohne Importe, Feldfrüchte zu produzieren? Braucht es mehr Bundesgelder für die Förderung der Schweizer Saatzucht? Diesbezüglich waren sich die Experten am Agrar-Info-Veranstaltung «Saatgut für die Zukunft» einig, die im traditionsreichen Zunfthaus zur Haue in Zürich stattfand.

Die Schweizer Saatgutzüchtung, wie sie Delley Samen und Pflanzen AG (DSP AG) betreibt, konzentriert sich auf Weizen, Triticale, Soja und zusammen mit einem spanischen Partnerunternehmen auf Mais. Agroscope sorgt für Nachschub bei Weizen, Futterpflanzen, Soja und Obst. Getreidezüchtung Peter Kunz konzentriert sich auf Biosaatgut für Getreide, Erbsen, Lupinen, Mais und Sonnenblumen und Sativa Rheinau für Gemüsesaatgut für das Biosegment. Aber bei Zuckerrüben- und Rapssaatgut hört der Spass auf, das wird zu 100 % importiert. Der Importanteil von Gemüse, Obst, Reben, Futtergräser ist ebenfalls sehr hoch.

Sorgen macht den Teilnehmern nicht nur der hohe Importanteil, sondern auch die starke Konzentration im globalen Saatguthandel. Über 61% des Umsatzes erwirtschaften weltweit die vier Konzerne Bayer, Corteva, Syngenta und BASF. Dr. Eva Gelinsky (Expertin für Saatgutpolitik) machte darauf aufmerksam, dass diese Konzerne immer mehr in den Händen von Investoren liege, die ihre Geldanlagen breit platzieren und vor allem auf Rendite aus sind.

Angesichts dieser geballten Übermacht sind die rund 10 Mio. CHF, die der Bund in die Saatgutzüchtung investiert ein Tropfen auf den heissen Stein. Zusätzlich sprach der Bund im Rahmen Strategie Pflanzenzüchtung 2050 einmalig 4,1 Mio. CHF für die Zuchtprogramme von Futterpflanzen und Weizen. Zugleich hat aber Agroscope ein Sparprogramm verordnet bekommen, was auch den Bereich Pflanzenzüchtung und Sortenprüfung betrifft. Dr. Roland Peter, Leiter Agroscope-Pflanzenzüchtung, versicherte zwar, dass man auch mit weniger Geldmitteln, viel erreichen könne. Was angesichts der teuren Zuchtprogramme eher illusorisch ist. Zudem braucht es einen langen Atem, denn erst nach 15 Jahren Züchtung erhält man Saatgut. Dr. Karl-Heinz Camp von DSP ist überzeugt, dass sich die Schweizer privatfinanzierte Züchtung immer mehr nur aus Lizenzen der Saatgutverkäufe finanzieren müssten. Als Mitglied der Kommission Ernährung des Bundesamts für Landesversorgung (BWL) ist er sich der Problematik voll bewusst.

Das Hauptproblem für die fehlenden Mittel sieht Gelinsky in der Prioritätenfestlegung der Agrarpolitik. So werde seit Jahren der Kurs «Mehr Markt, mehr Ökologie» gefahren. Das könne nicht funktionieren, zudem könne eine liberale Wirtschaft mit interventionistischen Umweltmassnahmen nie wettbewerbsfähig sein. Sie geht davon aus, dass in Zukunft die Importhängigkeit noch steigen werde, weil der Markt vor allem ertragreiche Sorten verlange.

Sollen sich die Schweizer Zuchtorganisationen vor allem an Biodiversität und Nischen orientieren, wie das Veranstalterin Christine Hürlimann forderte – und wie das beispielsweise Sativa macht. Camp verneinte, auch wenn DSP Sorten für die IP Suisse züchte, aber Extenso sei eine Nische, und Zuchtarbeit solle nicht an der Grenze aufhören. Er bestritt auch vehement, dass in den Zuchtprogrammen die Sorten- und genetische Vielfalt immer kleiner werde.

Auch der sogenannten Populationszucht von heterogenem Saatgut erteilte er eine Absage. Die Zulassung für zertifiziertes Saatgut beruhe auf Sortenbeschreibungen. Wenn der Landwirt diese Sorte kaufe, wisse er, was drin ist und welches Ertragspotenzial er erwarten könne. Hingegen steht er Genome Editing wie Crisper/Cas oder Talen offen gegenüber. „Das ist eine Chance gerade für uns kleinen Saatgutunternehmen“. Er betrachtet sie als zusätzliche Instrumente, welche aber nie die Feldzüchtung infrage stellen würden.

Gelinsky hielt dagegen, dass diese Verfahren auch markenrechtlich geschützt seien. Zudem werde immer wieder mit weltweitem Medienecho eine Sorte angekündigt, die dann einige Zeit später ohne Begründung vom Markt genommen werde.

Die nächste spannende Tagung von Agrar Info findet am Welternährungstag, 16. Oktober 2020, in Bern statt. Thema ist „Bauernrechte in der Mühlen der Wertschöpfungskette“.

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