Kulinarisches Erbe

Olivenöl aus dem Tessin

Der Olivenbaum (Olea europaea), das klassische Gewächs des Mittelmeerraums, gedeiht auch im Tessin. Nun wurde das Tessiner Olivenöl als neues Produkt in das Inventar des kulinarischen Erbes der Schweiz aufgenommen, hat sich der Schatz an von Tradition und Innovation geprägten Produkten, erweitert.

2020 wurden im Kanton Tessin 2000 l Olio d’oliva extravergine aus Früchten gepresst, die auf eigenem Boden gewachsen und gereift sind. Dies mag Schweizerinnen und Schweizer überraschen, die auf der Alpennordseite leben – nicht aber die Tessiner Bevölkerung, denn ein beträchtlicher Teil der Olivenbäume steht in Privatgärten. Und dies schon lange. Das älteste bekannte Dokument, in dem Olivenbäume erwähnt werden, ist eine Verkaufsakte, die im Jahr 769 ausgestellt wurde. Darin ist von einem «olivetallo meo in ipso vico Campellione» die Rede, von «meinem Olivenhain im Dorf Campione» (heute Campione d’Italia in Italien).

Am nördlichen Rand Italiens, zu dem jahrhundertelang auch das Tessin gehörte, wurden die ersten Olivenbäume wahrscheinlich von Römern gepflanzt. Das Olivenöl diente vor allem als Lichtquelle. Das Aufkommen von billigeren Ölen und der Elektrizität nahm dem Olivenöl langsam die Bedeutung. Fröste im den Jahren 1494, 1600 und 1709 zerstörten die Bäume komplett. Später opferte man sie Maulbeerbäumen, um die Seidenraupenzucht zu forcieren. Gegen Ende der 1980er-Jahre wurde der Olivenanbau reaktiviert – nun aus kulinarischen Gründen. Bis Mitte 2021 sind im Tessin nach einer umfassenden Zählung im Sotto- und Sopraceneri knapp 7700 Olivenbäume erfasst worden, Tendenz steigend (die Klimaerwärmung begünstigt den Olivenanbau). Dennoch bleibt Tessiner Olivenöl eine Rarität.

Gut ein Drittel der Sorten ist bekannt. Am häufigsten sind Leccino, Frantoio und Pendolino. Ascolana ist eine Sorte für Tafeloliven. An vier Standorten hat Pro Specie Rara Haine mit Tessiner Olivenbäumen unbekannter Sorten angelegt. Bei einer Degustation von Tessiner Olivenöl im Juli 2021 bewegten sich die fünf verkosteten Öle im Bereich von leicht bis mittel und recht fruchtig. Kommerzialisiert werden nicht alle, am ehesten kann man »Olio del Ceresio» (Oliven vom Ufer des Luganersees) von Tamborini, »Olio Amorosa» (Sementina-Gudo; Sopraceneri) von Delea oder «L’or da Gandria» von der Associazione Viva Gandria kaufen.

Der Verein Amici dell’Olivo widmet sich seit über 20 Jahren mit dem Olivenanbau im Süden der Alpen, stellt sein Wissen allen Interessierten zur Verfügung und entwarf den „Olivenbaumpfad“ zwischen Castagnola und Gandria.