Tierärztebefragung

Deutsche Nutztierhaltung als Auslaufmodell?

Die meisten Nutztierärzte sind einer neuen Studie zufolge mit ihrem Job zufrieden. Immer mehr sehen sich aber auch als Teil einer Welt, „die sich im Niedergang befindet“.

Nach einer neuen Studie von Dr. Christian Dürnberger des Messerli Forschungsinstitutes sind die allermeisten Tierärzte mit ihrer Berufswahl weitgehend zufrieden. Eine Mehrheit würde sich wieder für diesen Beruf entscheiden. Als Gründe hierfür nennen die Studienteilnehmenden die Vielfältigkeit der Arbeit selbst. Diese wird als abwechslungsreich, herausfordernd, spannend und bereichernd beschrieben. Die Tierärzte mögen den Austausch mit den Landwirten, den Umgang mit den Tieren und die Möglichkeit, diesen helfen zu können. Geschätzt werde zudem die wirtschaftliche Sicherheit des Jobs wie auch die Bedeutsamkeit der Arbeit, da die Produktion von Lebensmitteln als essentielle und daher sinnvolle Tätigkeit empfunden wird.

Nutztierhaltung in Deutschland nicht mehr gewollt

Doch auch bei Tierärzten, die mit ihrem Job zufrieden sind, zeige sich eine düstere Stimmung, was die Zukunft der Profession bzw. der Nutztierhaltung allgemein angeht. Manche Nutztierpraktiker sehen sich als Teil einer Welt, die sich im Niedergang befindet. Sie sprechen von ihrer Arbeit als einem Auslaufmodell, als etwas, das in Deutschland nicht mehr gewollt ist und das eventuell ganz aus diesem Land verschwinden wird. Die Antworten erzählen von Misstrauen und Anprangern. Die Nutztierpraktiker fühlen sich von der Gesellschaft teilweise auch im Stich gelassen. Dies zeige sich u.a. in der hohen Zustimmungsrate zur Aussage, die Arbeit kann mit dem Beruf eines Soldaten verglichen werden: Man mache einen Job, der für die Gesellschaft wichtig ist, aber von dem sie lieber keine Bilder sehen will. „Der manchmal niedrige Verdienst, die vielen Arbeitsstunden, die schwierige Work-Life- Balance, die kaum einzuhaltenden Gesetze, die limitierten Möglichkeiten, Tieren zu helfen… All das scheint im Vergleich zu dieser düsteren Prognose sekundär zu sein“, heißt es.

Hier einige Zitate aus der Umfrage:

Druck aus der Politik und bestimmten Kreisen der Gesellschaft auf die Landwirtschaft und somit auf die Tierärzte wird in Zukunft noch steigen, das Verhältnis ist bereits heute von Misstrauen und Sprachlosigkeit geprägt.“

Es werden zwar Nutztierpraktiker gesucht, doch die Tierproduktion ist in Deutschland nicht mehr erwünscht und wird sich zwangsläufig ins Ausland verlagern. Die bäuerliche Landwirtschaft wird hier zu Lande sterben.“

Die „Nutztier-Sparte (ist) mehr oder weniger ein Auslaufmodell durch die aktuelle politische Situation.“

Die Sparte hat „keine Zukunft“. Es ist zwar ein „wunderbarer Beruf, aber gesellschaftlicher Anspruch, Ansehen, Veränderungen in der Tierhaltung, überbordende Bürokratie, führen zu ständiger Frustration, die ohne intakte Familie oder Freundeskreis durchaus im Suizid endet.“

Neue Ausbildungsthemen

Die Studie gibt Hinweise darauf, wie aus Sicht der Nutztierpraktiker die Ausbildung bzw. Fortbildung zum Tierarzt verbessert werden könnte. Diese geforderten Ausbildungsthemen zeigen dabei auch verschiedene Rollen des Berufs. Gefordert würden vor allem mehr betriebswirtschaftliches Wissen (Tierärzte als Unternehmer) und mehr Wissenstransfer rund um die Bestandsbetreuung (Tierärzte als Gesundheitsmanager, die nicht nur kurativ tätig werden, wenn ein einzelnes Tier erkrankt, sondern die das große Ganze eines Betriebs im Blick haben). Da nicht alles, was in diesem Berufsfeld entscheidend ist, an der Universität gelehrt werden kann, fordern die Teilnehmenden auch eine praxisnähere Vorbereitung.

Was sollte sich in der Nutztierhaltung grundsätzlich ändern?

Neben konkreten Vorschlägen fordern die Teilnehmenden vor allem Veränderungen des Systems:

  • In Bezug auf die Tierhaltung wünschen sie sich mehr finanziellen Spielraum für die Landwirtschaft. Den Bauern fehle schlicht das Geld. Dieser wirtschaftliche Druck wirke sich auf die Situation der Tiere aus – und damit auch auf den veterinärmedizinischen Beruf in diesem Kontext. Hier zeige sich eine entscheidendeHerausforderung des Berufsstandes: Oft würde man die Tiere gerne anders behandeln, aber man würde durch äußere Hindernisse daran gehindert. Mit Blick auf eine finanzielle Umstrukturierung sehen die Teilnehmenden vor allem die Verbraucher, den Handel wie die Politik in der Pflicht.
  • Die Tierärzte fordern jedoch ebenso eine Veränderung der gesellschaftspolitischen Debatte über die Nutztierhaltung. Aus Sicht der Nutztierpraktiker existierte weniggesellschaftliches Wissen über die Realitäten der Tierhaltung, der Kontakt zur Lebensmittelproduktion ging über die Jahrzehnte verloren. Darüber hinaus werde die gesellschaftliche Debatte aus Sicht vieler Tierärzten von anderen Akteuren geprägt, beispielsweise von NGOs oder Politikern.
  • Neben Vorschlägen zu einem verbesserten Kontrollsystem von Tierschutzaspekten in der Landwirtschaft fordern nicht wenige Teilnehmende zudem ein kritisches Hinterfragen des Leistungsgedankens: Die Zucht fokussiere auf mehr und mehr Output. Diese permanente Optimierung wird von einigen Tierärzten der Studie als Sackgasse empfunden. Die Leistungsgrenze der Tiere sei überschritten, so manche Teilnehmenden. Es brauche ein grundsätzliches Umdenken.

Den Artikel zur Studie lesen Sie hier.

Die Umfrage richtete sich an Tierärzte, die (ganz oder teilweise) im Bereich der Nutzierhaltung in Deutschland tätig sind. Insgesamt nahmen 123 Tierärzte an der Studie im Sommer 2019 teil. Die Studie sei nicht repräsentativ. Sie fokussierte auf offene Fragestellungen.