Tierhaltung

Die Zauberformel gegen Pansentrinken

Wie Sie Pansentrinken bei Kälbern erkennen und wie Sie vorbeugen können, erklärt Dr. Martin Kaske vom Kälbergesundheitsdienst.

Kälberkrankheiten, Stress, mangelnde Hygiene und ein falsches Tränkemanagement begünstigen Pansentrinken. Bereits in der ersten Lebenswoche des Kalbes kann es dazu kommen. Die Krankheit entsteht durch einen gestörten Haubenrinnenreflex.
Kälber tränken klingt einfacher als es ist. Und so kennen viele Landwirte bei Kälbern in den ersten Lebenswochen das Problem des Pansentrinkens. Aber was verbirgt sich eigentlich hinter diesem Ausdruck?
Beim neugeborenen Kalb sind alle drei Vormägen (Netzmagen, Pansen, Blättermagen) zwar vorhanden, doch noch klein und unterentwickelt. Der Labmagen ist hingegen bereits gross und voll funktionstüchtig. Trinkt das Kalb, kommt es aufgrund bestimmter Reize zu einer reflexartigen Aktivierung von Muskelsträngen in den Lippen, die die Haubenrinne bilden; die Haubenrinne wird umgangssprachlich auch Schlundrinne genannt. Der Schluss der Haubenrinne lässt eine Kurzschlussverbindung zwischen Speiseröhre und Labmagen entstehen, so dass die Milch unter Umgehung des Pansens direkt in den Labmagen gelangt.
Unterschiedliche Anzeichen
Verschiedene Faktoren können den Haubenrinnenreflex negativ beeinflussen. Kälberkrankheiten, wie Durchfall, Lungen-, Ohren- oder Nabelentzündungen, führen nicht nur dazu, dass die Kälber schwach und appetitlos werden. Bei vielen erkrankten Kälbern ist zusätzlich der Haubenrin­nenreflex gestört. Entsprechend verschliesst sich die Haubenrinne zu wenig oder öffnet sich zu früh.
Die geschluckte Milch gelangt dann in den Pansen. Dort entwickelt sich eine Fehlgärung. Dabei spielt die Laktose in der Milch eine zentrale Rolle. Sie wird zu kurzkettigen Fettsäuren und Laktat (Milchsäure) abgebaut. Dadurch wird der Panseninhalt sauer (pH-Wert unter 6). Die empfindliche Pansenschleimhaut reagiert mit einer Entzündung. Diese ist sehr schmerzhaft und hemmt zudem den Haubenrinnenreflex. Der Teufelskreis ist eröffnet.
Die Symptome von Pansentrinkern sind vielfältig und von der Grunderkrankung abhängig. Pansentrinken führt nur in seltenen Fällen zum Festliegen der Kälber. Recht typische Anzeichen sind eher wechselnde Sauglust und ein gering- bis mittelgradig gestörtes Allgemeinbefinden. Vielfach haben die Tiere ein struppiges, raues Haarkleid und vor allem im Bereich des Kreuzbeines lassen sich Haare büschelweise rausziehen. Der Kot der betroffenen Tiere ist grau und lehm­artig (sogenannte «Kittscheis­ser»).
Manche Tiere knirschen mit den Zähnen und stehen mit gekrümmtem Rücken da. Diese Anzeichen deuten auf Bauchschmerzen hin. Versetzt man den linken Bauchraum mit der Hand in Schwingung, sind plätschernde Geräusche zu hören, die auf die Flüssigkeit im Pansen hinweisen. Der Tierarzt kann den Panseninhalt mit einer Sonde abhebern. Die entnommene Flüssigkeit hat dann typischerweise einen säuerlichen Geruch und eine milchige Farbe. Für die Tiere ist der Vorgang jedoch sehr unangenehm und stressig.
Es kommt aufs Tränken an
Gibt es auf einem Betrieb gehäuft Pansentrinker, sollten Sie Ihr Tränke- und Haltungsmanagement überdenken. Wichtig ist zunächst, dass Sie Ihre Kälber nach der «3 R-Regel» tränken. Diese steht für Ruhe, Regelmässigkeit und Reinlichkeit. Ein gelassener, liebevoller Umgang wirkt auf die Kälber beruhigend und beugt unnötigem Stress vor. Belastend auf die Kälber wirken zudem lange Transporte, Umstallung, Enthornung und Futterumstellungen.
Auch die Tränkemenge ist wichtig: Erhalten die Jungtiere in regelmässigen Abständen ausreichend Milch angeboten, trinken sie langsamer. Das fördert die Speichelbildung sowie den Schluss der Haubenrinne. Kälber hingegen, die nur wenig Milch angeboten bekommen (2–3 l pro Mahlzeit), trinken schneller und neigen eher zum Pansentrinken. Auch die Sauberkeit spielt eine Rolle: So sollte die Milch möglichst aus einem ausgewaschenen Eimer angeboten werden und der Stall sauber und ausreichend eingestreut sein. Auf diese Weise reduziert sich der Keimdruck auf die Jungtiere.
Der Labmagen des neugeborenen Kalbes hat zwar nur ein relativ geringes Fassungsvermögen von lediglich etwa zwei Litern. Trotzdem ist es unproblematisch, dem Kalb grössere Einzelportionen zu vertränken. Es fliesst zwar teilweise Milch zurück in den Pansen, jedoch treten die typischen klinischen Symptome des Pansentrinkens nicht auf. Der leicht säuerliche Panseninhalt wird in diesen Fällen innert weniger Stunden an den Labmagen weitergegeben.
Wichtig ist aber, dass das Kalb vom ersten Tag an grössere Gaben gewöhnt ist. Bei Aufzuchtkälbern hat sich die «ad libitum»-Tränke bewährt. Bietet der Landwirt den Tieren Milch zur freien Aufnahme an, trinken sie im Schnitt bereits in der zweiten Lebenswoche zehn Liter am Tag. Die Kälber erfreuen sich dabei bester Gesundheit und haben Tageszunahmen von 700–1000 Gramm.
Möglichst keine Sonden verwenden
Hingegen führt die Eingabe von Milch per Sonde beziehungsweise Dren­cher zu erzwungenem Pansentrinken. Die Schlundrinne kann sich nicht schliessen, weil die notwendigen Reize aus dem Rachenraum ausbleiben. Dasselbe gilt, wenn der Landwirt einem appetitlosen Kalb die Milch mit der Flasche einflösst. Haben die Kälber keinen Hunger, sollten sie möglichst regelmässig kleine Mengen an Milch erhalten. Reagiert der Tierhalter hingegen mit einer Zwangstränke, besteht die Gefahr, dass sich als Folge eine Pansenazidose und später eventuell sogar eine Übersäuerung des Blutes entwickelt.
Trotzdem gibt es eine Situation, in der es vorteilhaft ist, ein Kalb zum Trinken zu zwingen: Verweigert ein Neugeborenes die Kolostrumaufnah­­me oder ist kein Saugreflex vorhanden, sollte die Biestmilch mittels Sonde eingegeben werden, um die Versorgung des Kalbes mit den lebensnotwendigen Abwehrstoffen (Immunglobuline) zu gewährleisten.

Autor: Nadine Maier, Dr. Martin Kaske

Den vollständigen Artikel finden Sie in der LANDfreund-Ausgabe 11/2017.

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