Tierhaltung

Gesündere Kälber dank optimalem Start

Marc Binder tränkt seinen Kälbern seit zwei Jahren zehn Liter Milch am Tag. Seither sind die Tiere deutlich gesünder und haben seltener Durchfall. Antibiotika setzt der Landwirt nur noch äusserst selten ein.

arc Binder aus Ilnau (ZH) war Mitglied einer zwölfköpfigen Arbeitsgruppe «Milchwirtschaft mit Melkroboter». An einem Treffen sprachen die Teilnehmer das Thema Kälbergesundheit an. Die Landwirte stellten fest: 40 % der Jungtiere erkranken in den ersten 60 Tagen an Durchfall – die Hälfte dieser Kälber so stark, dass eine tierärztliche Behandlung erforderlich ist. Somit hat ein Grossteil der Kälber schon einmal einen schlechten Start ins Leben. «An dem Punkt war mir klar, dass ich an meiner Aufzuchtstrategie etwas ändern muss», sagt Binder.
Praxis widerlegt Lehrbuch-Theorie
Er kontaktierte Dr. Martin Kaske vom Rindergesundheitsdienst und erarbeitete mit ihm ein Konzept, um den Kälbern einen optimalen Start ins Leben zu gewährleisten. Heute erhalten die Neugeborenen direkt in der Abkalbebox abgemolkenes Erstgemelk zur freien Verfügung. «Neun von zehn Kälbern nehmen mehr als drei Liter Kolostrum sofort auf», so Binder. «Das widerspricht den Lehrbüchern, die bis heute behaupten, dass neugeborene Kälber nach zwei Litern ausreichend getrunken haben.» Die Kälber auf dem Betrieb von Binder erhalten ausserdem am ersten Lebenstag einen Injektor mit Selen, Eisen und Vitaminen.
Die Iglus bereitet der Landwirt sorgfältig für die neuen Kälber vor. Er mistet und reinigt sie nach jedem Umtrieb und stellt sie in der Sonne zum Trocknen auf. «Sonnenlicht ist das beste Des­infektionsmittel und kostenlos», so Binder.
Die Iglus sind so aufgebaut, dass sie sich einfach und ohne grossen Zeitaufwand reinigen lassen. Den Liegebereich streut der Tierhalter mit Holzschnitzeln und Stroh ein. Die Schnitzel isolieren gut und verhindern, dass die Kälber auf dem blanken Boden liegen. Ausserdem nehmen die Schnitzel die Feuchtigkeit auf. Die Holzschnitzel entsorgt Binder auf dem Mist. Damit die Iglus im Sommer nicht in der prallen Sonne stehen, hat der Landwirt mit einer Plane eine Beschattung installiert. Auch das Bodengefälle berücksichtigte Binder bei der Ausrichtung seiner Iglus. Leidet ein Kalb unter Durchfall, läuft der Mist aufgrund der Neigung nicht in die Nachbarboxe. Der Keimdruck wird dadurch minimiert. Wasser, Kraftfutter und Heu haben die Kälber in den Iglus den ganzen Tag zur freien Verfügung.
Keine hungrigen Kälber
In den Einzelboxen erhalten die Kälber zwei Mal täglich fünf Liter warme Kuhmilch angeboten. Die mit Milch befüllten Nuckeleimer lässt Binder maximal eine Stunde an den Boxen hängen. Anschliessend nimmt er sie weg. Kaske bezeichnet Binders Tränkemethode als Semi-ad-libitum. «Die Kälber trinken in der ersten Stunde 80 % des Milchbedarfs», erklärt Kaske. «Mit einer ad-libitum-Tränke bringt man nicht wesentlich mehr Milch in die Kälber als mit einer Semi-ad-libitum.» Das Geheimnis des intensiven Tränkens beschreibt Kaske wie folgt: «Das Kalb darf nie den Eindruck haben, hungrig zu sein. Denn wenn es hungrig ist, trinkt es zu schnell und schnelles Trinken begünstigt Verdauungsstörungen, wie zum Beispiel Pansentrinken (siehe Artikel 11/2017).»
Binder erzählt, dass neun von zehn Kälbern nach einer Woche zehn Liter Milch pro Tag trinken. «Alte Lehrbücher empfehlen lediglich eine tägliche Milchration von 10 % des Körpergewichtes», so Binder. «Das entspricht bei einem 40 kg Kalb vier Litern pro Tag.» Seit der Landwirt aber deutlich mehr Milch vertränkt als die Lehrbücher empfehlen, hat er gesündere Kälber. Er musste bei seiner Aufzucht schon lange keine Antibiotika mehr einsetzen. Binder ist überzeugt, dass es an seinem neuen Tränkekonzept liegt. «Ein guter Start ins Leben trägt wesentlich zur Antibiotikareduktion bei», so Binder.
Mehr Milch rechnet sich
Entgegen vieler Behauptungen erklärt Kaske, dass ad-libitum-Tränken Durchfall nicht fördert. Auch haben intensiv getränkte Kälber bereits nach wenigen Tagen mehr Reserven und Abwehrkräfte. Ein geringfügiger Durch­fall-Tag schadet den Tieren somit deutlich weniger. Im Alter von drei Wochen wiegen Binders Kälber zwischen 70 und 80 kg und trinken täglich bis zu zwölf Liter Milch. Die Tageszunahmen liegen im Schnitt bei 1 kg.

Autor: Nadine Maier

Lesen Sie den ganzen Artikel in der LANDfreund-Ausgabe 01/2018.
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