Brexitfolgen

Schweinekrise in Großbritannien weitet sich aus

Der britische Schweineverband (NPA) befürchtet demnächst Massenkeulungen als Folge des Schweinestaus. Er fordert befristete Visa für Schlachthofmitarbeiter um die Produktionskapazitäten zu erhöhen.

Die Krise in der britischen Schweinebranche weitet sich offenbar weiter aus. In einigen Betrieben fanden jetzt erste Nottötungen statt. „Wir wissen von einer Handvoll Landwirte, die einige Schweine keulen mussten“, berichtete am vergangenen Mittwoch die Geschäftsführerin des britischen Schweineverbandes (NPA), Dr. Zoe Davies. Sie sprach in diesem Zusammenhang von etwa 600 Tieren. Der NPA befürchtet, dass die Nottötungen ausgeweitet werden könnten und forderte die Politik und die gesamte Lieferkette auf, die Schweinehalter zu unterstützen, um vor allem den Schweinestau abzubauen. An die Regierung in London appellierte der NPA, befristete Visa für Schlachthofmitarbeiter auszustellen, um die Kapazitäten der Schweinefleischbetriebe zumindest kurzfristig zu erhöhen.

Laut Davies gab es noch keine Massenkeulungen; gleichwohl ist sie der Meinung, „dass dies die nächste Stufe des Prozesses ist“. Sie erinnerte eindringlich daran, dass dies für die betroffenen Landwirte sehr schwierig sei. Der NPA-Vorsitzende Rob Mutimer berichtete von Ferkelhaltern, die aktiv Ferkel einschläferten, da ihnen schlichtweg der Platz im Stall ausgegangen sei. Im Verband sei die Befürchtung groß, dass der Druck auf die Landwirte noch weiter zunehmen werde. Die Notfallmaßnahmen seien ausgeschöpft, so dass eine groß angelegte Keulung aus Tierschutzgründen erforderlich werden könnte.

„Verzweifelte Landwirte“

Laut dem Schweineverband haben die Verarbeiter in Gesprächen betont, mit maximaler Kapazität zu arbeiten und Maßnahmen zum Abbau des Rückstaus ergriffen zu haben. Mutimer bekräftigte jedoch, dass sich die Lage schnell verbessern müsse. Indes demonstrierten zu Beginn der vergangenen Woche Schweinehalter am Rande des Parteitags der Konservativen Partei von Premierminister Boris Johnson, um auf die Probleme in der Branche aufmerksam zu machen. Die Präsidentin des britischen Bauernverbandes (NFU), Minette Batters, erklärte gegenüber dem Radiosender BBC 4 Today, dass die Landwirte „wütend, verzweifelt und extrem aufgebracht“ seien. Daher hätten sie von der Regierung ein Notfallprogramm gefordert.

Schweinestau wächst

Der NPA bezifferte am vergangenen Donnerstag (7.10.) den Schweinestau auf 85.000 Tiere. Wöchentlich kämen etwa 15.000 Schweine hinzu, wodurch den Farmern der Platz in den Ställen schnell ausgehe. Davies erinnerte daran, dass die Schweinebranche bereits im vergangenen Jahr den „perfekten Sturm“ aus Corona-Pandemie, Brexit und stark gestiegenen Produktionskosten durchlitten habe und bereits einige Landwirte zur Betriebsaufgabe gezwungen gewesen seien.

Der aktuelle Personalmangel in den Schlachthöfen habe „verheerende Auswirkungen“ auf die Schweinehalter des Landes. So zähle das erste Halbjahr 2021 für den britischen Schweinesektor aufgrund der Rekordproduktionskosten in finanzieller Hinsicht zu den schlechtesten aller Zeiten, berichtete der NPA. Er verwies auf Schätzungen der britischen Absatzförderungsorganisation für Landwirtschaft und Gartenbau (AHDB), der zufolge die Erzeuger in den ersten sechs Monaten dieses Jahres umgerechnet 136 Mio € verloren haben, „was eindeutig nicht tragbar ist“. Es gebe keine Anzeichen dafür, dass der finanzielle Druck, dem die Branche ausgesetzt sei, in nächster Zeit nachlasse, so der Schweineverband.

„Ernsthafter Rückgang“ der Schweinebetriebe

Davies wies darauf hin, dass der Rückstau an Schweinen die Landwirte nun vor weitere Probleme stelle, da sie zusätzliches Geld für teure Futtermittel aufbringen und Strafen für den Verkauf übergewichtiger Schweine zahlen müssten. Viele sähen sich nun gezwungen, ihre Schweine zu keulen, weil sie einfach nirgendwo mehr hinkönnten. Die Geschäftsführerin machte deutlich, wenn die Regierung nicht sofort eingreife, würden noch mehr Erzeuger in den Ruin getrieben. In diesem Jahr sei der nationale Sauenbestand bereits um 22.000 Tiere verringert worden, und das sei erst der Anfang. Der NPA erwartet „einen ernsthaften Rückgang“ der britischen Schweinebetriebe, vor allem bei den kleineren unabhängigen Landwirten.


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