Tierhaltung

Wenn die Ohren schmerzen

Kälber erkranken immer häufiger an Ohrentzündungen – und keiner weiss weshalb. Corinne Bähler und Martin Kaske erklären, warum die Früherkennung besonders wichtig ist.

Ohrentzündungen bei Kälbern haben eine zunehmende Bedeutung. Früher kannte man die Krankheit kaum. Heute kommt sie gerade auf Mastbetrieben, die grössere Gruppen einstallen, gehäuft, jedoch auch auf Geburtsbetrieben vor. Heikel sind vor allem die Übergangszeiten, in denen hohe Luftfeuchtigkeit herrscht.
Warum Ohrentzündungen bei Kälbern in den letzten Jahren vermehrt auftreten, kann man nicht genau sagen. «Wir können derzeit nur spekulieren», so Corinne Bähler vom Kälbergesundheitsdienst (KGD). «Fakt ist, dass die Erreger eigentlich tierorientiert sind und in der Umwelt kaum überleben.» Auch Martin Kaske vom KGD keine genaue Erklärung. «Wir vermuten, dass einzelne Tiere die Keime in die Gruppe einschleppen und sich diese dann ausbreiten.» Wahrscheinlich ist es durch das Zusammenspiel verschiedener Faktoren bedingt, dass es plötzlich vermehrt zu dieser Krankheit kommt.

Bakterien feiern Party im Mittelohr
Aber was heisst es eigentlich, wenn ein Kalb an einer Ohrentzündung erkrankt? Das Ohr besteht aus der Ohrmuschel, dem äusseren Gehörgang, dem Mittelohr und dem Innenohr. Letzteres enthält die Sinneszellen für den Hörvorgang, die sogenannte Schnecke. Das Mittelohr sitzt zwischen dem Innenohr und dem äusseren Gehörgang. Das Trommelfell bildet die Begrenzung zwischen dem inneren und dem äusseren Ohr und ist eine dünne Membrane, die sehr empfindlich ist. Stossen wir Menschen beispielsweise beim Ohrenputzen zu stark gegens Trommelfell, verspüren wir einen heftigen Schmerz.
Die Ohrentzündungen von einzelnen Tierarten können nicht miteinander verglichen werden. So kommt es zum Beispiel bei Hunden oft zu Ohrentzündungen. Diese verlaufen vom äusseren Ohr zum inneren Ohr und haben deshalb nichts mit einer Ohrentzündung beim Kalb gemeinsam. Die Mittelohrentzündung beim Kalb kann hingegen mit der bei den Kindern verglichen werden.

Zuerst die Lunge, dann die Ohren?
Beim Kalb hat die Erkrankung im ersten Moment nichts mit dem äusseren Ohr zu tun. Bei ihm wandern Bakterien, die sich in den oberen Atemwegen befinden, über die eustachische Röhre – eine Kurzschlussverbindung zwischen Mittelohr und Rachen – ins Mittelohr.
Salopp gesagt feiern die Bakterien dort anschliessend eine Party. Bei den Verursacherbakterien handelt es sich um Mykoplasmen. Aufgrund der anatomischen Fakten kann gesagt werden, dass die Mittelohrentzündung beim Kalb häufig in Verbindung mit einer Lungenentzündung auftritt. Während sich die Lungenentzündung wenige Tage nach dem Einstallen ausbreitet, treten Ohrentzündungen erst später auf. Denn die Mikroplasmen brauchen eine Weile, bis sie sich etablieren und bösartig werden können.
Erste Symptome, die auftreten, sind vermehrtes Kopfschütteln, mit den Hinterbeinen am Ohr Kratzen oder den Kopf an der Wand Scheuern und ein angespannter Gesichtsausdruck. Ebenfalls ein häufiges Leitsymptom ist der vermehrte Augenausfluss. «Die Kälber stehen vielleicht 5 min in einer Ecke und zeigen erste Anzeichen, wie zum Beispiel einen angespannten Gesichtsausdruck», so Bähler. «Anschliessend springen sie wieder ganz normal herum.» Es braucht also eine gute Beobachtungsgabe, um die Krankheit frühzeitig zu erkennen. Denn auch hier gilt: Je früher die Therapie eingeleitet wird, desto besser die Prognose. «Viele Landwirte wollen wissen, welches Antibiotikum am besten hilft», so Kaske. «Es geht aber nicht in erster Linie darum, mit welchem Antibiotikum behandelt wird, sondern vielemehr darum, die Behandlung möglichst früh zu starten.»
Sobald der Landwirt erste Anzeichen beobachtet, sollte er zum Thermometer greifen und Fieber messen. Ist die Krankheit bereits akut, fallen die Symptome deutlicher aus. Typisch ist die temporäre asymmetrische Ohrstellung. Sie ist vor allem in Ruhe zu beobachten.

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Artikel geschrieben von

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